Wo ist die „Zweite Mauer“? Geophysikalische Untersuchungen unter der Erlöserkirche

Als Herodes der Große in der zweiten Hälfte des 1. Jh. v. Chr. die Stadt Jerusalem nach Norden hin ausdehnte, baute er auch eine Stadtmauer, die diese Siedlungserweiterung schützen sollte. In die Geschichte ging diese als die so genannte „Zweite Mauer“ ein. Von ihrer Existenz wissen wir über den jüdischen Historiker Flavius Josephus, der schreibt, dass sie am „Gennat Tor“ der „Ersten Mauer“ ihren Anfang nahm und bis hin zur Festung „Antonia“ verlief (Bell. V 4,2 § 146). Ihre letzte Stunde schlug im Jahr 70 n. Chr. als sie im Zuge des Jüdischen Krieges (66-70 n. Chr.) von Titus belagert und zerstört wurde. Die „Zweite Mauer“ stellt in der Forschung ein großes, bisher ungelöstes, Rätsel dar, da keiner weiß, wo genau sie sich befindet. Seit über 150 Jahren versuchten weltberühmte Archäologen vergeblich, ihren Verlauf zu ergründen. In der Forschung hat diese Stadtmauer eine große Bedeutung, da an ihr die Frage nach der Korrektheit des in der Grabeskirche gezeigten Kreuzigungsortes Jesu (Golgotha) sowie der Grabstätte festgemacht wird. Diese mussten nach römischem und jüdischem Brauch außerhalb der Stadt gelegen haben. Und wie die Evangelien berichten lag die Hinrichtungsstätte nahe bei Gärten oder Feldern (Mk 15,21; Lk 23,34).

Die Ausgrabungen unter dem südlich von der Erlöserkirche gelegenem Hof der Luther-Schule („Area C“) sowie die Grabungen unter der Erlöserkirche zeigen, dass diese beiden Orte außerhalb der „Zweiten Mauer“ waren. Hier befand sich in Zeiten des Herodes ein Steinbruch und zu Jesu Lebzeiten ein Garten/Feld. Darüber hinaus zeigen die Tiefschnitte auf, dass die herodianische Stadtmauer und damit sein neu erbautes Stadtviertel östlich dieser Grabungen lagen. Doch angesichts der vollständigen Überbauung der Jerusalemer Altstadt und unter Beachtung der bestehenden UN-Restriktionen kann die Suche nach der herodianischen Stadtmauer nicht durch Ausgrabungen gelöst werden. In Kooperation mit dem Fachgebiet Elektronische Messtechnik (EMT)/Technische Universität Ilmenau führt das DEI daher ein geophysikalisches Vermessungsprojekt durch, welches auf zwei Jahre ausgelegt ist und zwei Messkampagnen vorsieht. Die erste Kampagne fand vom 10.09. bis zum 30.09.2015 statt. Angelegt war diese als ein Testlauf, in dem die lokalen Messbedingungen (z. B. weitere Messorte, Beschaffenheit und Schwierigkeitsgrade der Mess-Orte, technische Herausforderungen und Einsatz der Messgeräte) geprüft und gelöst werden sollten. Darüber hinaus wurden die ersten Georadarmessungen vorgenommen. Die hierbei gewonnenen Erkenntnisse sollen in die Messungen der nächsten Kampagne sowie in die Konstruktion eines hochsensiblen Messgerätes einfließen. Da kommerziell verfügbare Georadarsysteme den komplexen Anforderungen des Messszenarios nicht entsprechen, wird ein spezielles Gerät mit verbesserten Eigenschaften konzipiert und aufgebaut. Dieses soll eine maximale Empfindlichkeit haben, um auch Objekte mit geringem Kontrast und großer Entfernung nachweisen zu können. Dieses Gerät wird dann für die Vermessungen der zweiten Kampagne 2016 eingesetzt. Für das Projekt ist der Tiefschnitt unter der Erlöserkirche bestens geeignet, da – wo sonst nirgends – die Möglichkeit gegeben ist, bis auf die Strata des 1. Jh. v. und 1. Jh. n. Chr. hinabzusteigen und dort ohne auf weitere architektonische Reste zu stoßen in die Erdschichten hineinzumessen. Genau in diesen Ebenen ist die „Zweite Mauer“, wohl in einer Entfernung zwischen 5 und 20 m, zu vermuten. An den Wänden des Tiefschnitts wurden zwei große Antennen, die über Kabeln mit dem Messgerät verbunden waren, schrittweise herabgesetzt und alle 20 cm eine Messung vorgenommen. Mit Bergsteigerausrüstung wurde ein Mitarbeiter in den Tiefschnitt herabgelassen, von wo aus er die Messgeräte bediente und mit Hilfe von langen Holzlatten die zwei Antennen an die Wand presste.

Weitere geophysikalische Messungen wurden in anderen Arealen vorgenommen, wo man ebenfalls den Verlauf der Mauer annimmt: auf dem Hof der Luther-Schule sowie in einer Halle an der nahegelegenen Davidstreet, die zum kreuzfahrerzeitlichen Muristan gehört. Im Gegensatz zu dem Tiefschnitt wurde hier die Mauer durch das Abscannen der Erdoberfläche gesucht. Man legte jeweils mehrere Messrouten an und bewegte die Sonden mit dem Messgerät an diesen entlang.

Die Sondierungswellen der in der Kampagne 2015 verwendeten Messgeräte drangen leider nicht so tief ein, wie anfangs erhofft. Sie reichten nur 8 m in das Erdreich hinein. Wie die vorläufigen Auswertungen aufzeigten, ist die Mauer auch in dieser Reichweite nicht definitiv auszumachen. Zu erwarten ist sie demnach erst nach 8 oder 10 m. Doch diese Annahme beruht auf ersten kurzen Auswertungen der Messdaten. Um nähere und aussagekräftigere Erkenntnisse zu haben, müssen die Daten in den kommenden Monaten noch eingehender analysiert werden. Eine intensivere Messung wird nächstes Jahr stattfinden. Hierfür soll im Laufe des folgenden Jahres das bereits erwähnte hochsensible Messgerät gebaut werden. Zudem wird das Suchareal erweitert: Neben dem Tiefschnitt, dem Hof der Luther-Schule und der Kreuzfahrerhalle an der Davidstraße sollen auch Messungen in den umgebenden Suqs und hinter der Apsis der Erlöserkirche stattfinden.