Grabung auf dem Zionsberg

Mount Zion Excavation at Anglican-Protestant Cemetery, Jerusalem, Israel, erstellt von Jochen Reinhard by archaeobotics on Sketchfab

In direkter Nachbarschaft des protestantischen Friedhofs, auf dem berühmte Personen wie der Archäologe Sir William Flinders Petrie, der Architekt Conrad Schick, der Archäologe James Leslie Starkey oder die Kaiserswerther Schwestern ihre letzte Ruhestätte fanden, befindet sich eine mehr als 100 Jahre alte Ausgrabung. Diese soll im Zuge der Restaurierung des Friedhofs ebenfalls wiederhergestellt und für Besucher zugänglich gemacht werden. Das Ausgrabungsgelände muss gesichert und Vorschläge für die Präsentation der Funde für Pilger und Touristen sowie für eine Pflege des historischen Erbes auf dem südlichen Zionshügel erarbeitet werden.

1894 entdeckten hier die Archäologen F. J. Bliss und A. C. Dickie einen Turm, Mauerreste (von der Eisen- bis in die byzantinische Zeit) und drei übereinanderliegende Schwellen eines Tores sowie eine großartig erhaltene Mikve. Leider hat der Benediktinerpater Bargil Pixner 1977 bei seinen Ausschachtungen den Ort übel zugerichtet und das Gelände nicht hinreichend gesichert.

Vielleicht handelt es sich bei einer der Torschwellen im Grabungsbereich um Reste des Essener-Tores (Flavius Josephus, Bellum V 145). Das Tor wird traditionell – wenn auch ohne stichhaltigen historischen Beweis – in Zusammenhang mit dem Ort des Letzten Abendmahls Christi gerückt, das sich im Viertel der Essener zugetragen haben soll. Schon in byzantinischer Zeit wurde der Abendmahlssaal auf dem Südwesthügel Jerusalems, dem heutigen Berg Zion, verehrt.

Bei den neuen Untersuchungen des DEI geht es neben der Frage nach der Zeitstellung der drei Torschwellen auch um die Frage der Ausdehnung Jerusalems während der letzten drei Jahrtausende und um die Gestaltung des Zionshügels als Wohnquartier während der klassisch-altestamentlichen, hellenistischen, römischen und byzantinischen Zeit.

Hier geht es zu den Ergebnissen der ersten Grabungskampagne 2015

Die ersten Ausgrabungen auf dem protestantischen Friedhof

Im Jahr 1894 waren die Ausgrabungsmethoden sehr unterschiedlich zu heute: Der britische Archäologe F. Bliss machte sich auf die Suche nach einer Verlängerung der alttestamentlichen Stadtmauer – und zwar unterirdisch. Er grub einen Tunnel entlang des schon bekannten Verlaufs der Mauer nahe des Zionstores, entdeckte eine antike Straße und folgte dieser bis er zu einem Stadttor vordrang. Nun stieß er maulwurfsgleich zur Oberfläche und öffnete einen Krater. Schnell wurde das Tor mit dem Essenertor identifiziert, auch wenn selbst Bliss die stichhaltigen Beweise fehlten.

In den 1980er und 90er Jahren gab es eine große Debatte, ob bereits in der Zeit des 8-6. Jahrhunderts v. Chr. eine Stadtmauer existierte, die bis hinunter in das Hinnom Tal reichte. Getrieben von dieser Frage grub Bargil Pixner auf dem Gebiet des Friedhofs. Er fand südöstlich des unteren Tores eine Mauer, die er in die vorexilische Zeit datierte – ihre Zerstörung wäre dann auf die Eroberung der Babylonier im Jahr 586 v. Chr. zurückzuführen.

Darüber hinaus fand Pixner eine Stadtmauer und einen Turm aus der hellenistischen Zeit, die vermutlich während der Hasmonäer-Herrschaft errichtet worden waren (150-37 v. Chr.).

Die Tore

Es wurden drei Tore – bzw. drei Torschwellen – übereinander gefunden und die große Frage ist, zu welchen Zeiten diese gehörten. Das untere scheint in die herodianische Zeit zu gehören (laut Pixner das „Essener-Tor“). Darüber folgt eine Torschwelle, die bislang noch nicht zu datieren ist (laut Pixner aus der späteren römischen Zeit: nach der Zerstörung im Jahr 70 n. Chr., aber vor dem 4. Jh. n. Chr.). Die jüngste Torschwelle stammt aus der byzantinischen Zeit. Sie lässt sich genauer datieren, da uns ein antiker Pilger aus Italien im Jahr 470 n. Chr. berichtet, Eudokia - die Frau des oströmischen Kaisers Theodosius II - habe die Stadtmauer ausbauen lassen. Die besagte Kaiserin lebte in der Mitte des 5. Jh. n. Chr. Möglicherweise handelt es sich hierbei um das sog. Thekoa-Tor.

Die Mikve

Hierbei handelt es sich um eine Doppel-Mikve mit einer Abgrenzung in der Mitte der Treppen, damit die (unreinen) Besucher, die hineingehen, nicht mit den (reinen), die wieder hinausgehen in Kontakt kamen. Sie wurde schon vor über 100 Jahren freigelegt und ist heute in einem erbarmungswürdigen Zustand.

Was wollen wir tun?

Ein Team des Deutschen Evangelischen Instituts des Heiligen Landes wird im Sommer 2015 den Bereich der alten Ausgrabungen reinigen, einen Survey des Geländes vornehmen, alle noch sichtbaren archäologischen Funde einmessen (GPS) und den Hang Richtung Friedhof säubern, um eine Stratigraphie erkennen zu können (und diese mit den noch sichtbaren Funden in Verbindung bringen) sowie anschließend sichern. Es wird alles gezeichnet, eine photogrammetrische Karte erstellt und versucht, die Ergebnisse mit der auf der anderen Seite der Straße liegenden israelischen Grabung zu vergleichen. In den Jahren 2016 und 2017 soll der noch unbearbeitete Bereich des Grabungsgeländes untersucht werden, um danach eine Infrastruktur für die Besucher zu schaffen: ein sicherer Zugang für Touristen und Pilger direkt von der Straße, Schautafeln mit Erklärungen in Englisch, Deutsch, Hebräisch und Arabisch sollen erklären, was zu sehen ist. Auch wollen wir das jüdische Ritualbad auf dem Gelände des Friedhofs restaurieren und zugänglich machen. So können hoffentlich schon bald Touristen und Pilger diesen wichtigen Ort der Stadtgeschichte Jerusalems besuchen. 

 

Nach: Katja Soennecken/Marcel Serr: Entdeckungsreise in die Vergangenheit, Jerusalem - Gemeindebrief/Stiftungsjournal, 2/2015, 63f.